10 Jun 2017
 

Für alle, die Gab nicht kennen: Gab soll eine Mischung aus Twitter und Reddit (das ich nicht kenne) sein, man kann jedoch im Gegensatz zu Twitter 300 Zeichen „verquatschen“. Im Gegensatz zu manchen Meldungen erlaubt Gab allerdings nicht alles und schon gar keine Hassbotschaften (wie z.B. der DLF letztens verbreitete). Darauf legt CEO Andrew Torba großen Wert und postet das auch immer wieder mal.

Update 12.06.2017: Gab-User @EugenSeidel korrigierte mich in Bezug auf den Ausdruck „Hatespeech“. Ich hatte beim Schreiben den Tweet des BMI „Wir sprechen und gegen Hatespeech aus, egal ob strafbar oder nicht“ im Hinterkopf.

Eugen Seidel: Tatsächlich sagt Torba „Hate speech is free speech“, womit er 1. recht hat (verbrieft durch #1A) und 2. schwappt Gab vor Hass und Wut manchmal schier über. […] siehe #GabNazis; thematisiert vor allem Hass gegen Juden, aber Rassenhass (v.a. gg. schwarze Amerikaner) und Aufrufe zu Völkermord (Atombombe auf Mekka, Krieg gg. alle Muslime), Bürgerkrieg sind auf Gab ebenso erlaubt… und populär.

Torba stellt sich entschieden gegen jede Form Zensur, das heißt, bei Gab werden keine Konten gelöscht, nur weil der Inhaber eine unbequeme unter Umständen sogar grenzwertige Meinung vertreten.

Kommen wir zum ersten Punkt meiner Zwischenbilanz.

Inhalte

Nachdem Kolja Bonke, der Polizeiberichte und Nachrichtenmeldungen über Angriffe durch Muslime und Migranten postet und kommentiert, bei Twitter mehrfach gesperrt wurde und zu Gab zog, folgten ihm viele seiner Twitter-Follower. Einige fahren zweigleisig auf Gab und Twitter; andere leiten ihre Gabs zu ihrem Twitter-Account weiter; wenige haben ihren Twitter-Account freiwllig gelöscht und posten nur noch auf Gab. Da sich die Sperrungen auf Twitter ausschließlich gegen „rechte“ Accounts und „Hassredner“ richten, ist momentan die Auswahl der Accounts, denen man auf Gab folgen kann, daher von den Themen her ziemlich eingeschränkt. Posts von den „Großen“ werden einem wieder und wieder in den Feed gespült, was auf die Dauer nicht nur ermüdend, sondern meines Erachtens auch kontraproduktiv ist. Die Gefahr, durch die permanente Berieselung negativer Meldungen Angst, Frust oder Wut zu entwickeln (möglicherweise sogar zu steigern), ist enorm hoch. Eine vierte Möglichkeit ist: Man stumpft ab. Ich werde mich auf jeden Fall von den „Meldungs-Postern“ wieder trennen, um die Flut etwas einzudämmen.

Umgangsformen

Bis auf die üblichen Spinner, die Gab auch gleich für sich entdeckt haben, respektvoll und höflich. Für meinen Geschmack teilweise jedoch zu distanziert. Ich bin eher der „Bei Partys in der Küche stehen und quatschen*-Typ. Wenn ich mir aber schon vorab überlegen muss, ob ich jemanden duzen kann oder doch besser siezen sollte, tendiert meine Bereitschaft zur Mitwirkung an einer Unterhaltung oder einen Gab zu kommentieren eher gegen Null. Bitte nicht falsch verstehen! Wie jemand angeredet werden möchte, entscheidet der jeweilige Ansprechpartner und nicht der, der ihn anspricht. Mir fehlt dann allerdings diese gewisse Lockerheit, die sich beim „Quatschen“ entwickelt, auf die ich nicht verzichten möchte.

Vielfalt

Die ist so gut wie nicht vorhanden. Andere Themen außer „Flüchtlingen“, „Islam“ und „Politk“ muss man mit der Lupe suchen oder sie finden nur schwer Beachtung. Das birgt die Gefahr, dass sich die deutsche Community über kurz oder lang selbst in ihre konservative Filterblase sperrt. Und man lasse sich nicht von den Anmeldezahlen täuschen, die zurzeit bejubelt werden. Es gibt genügend Twitterer mit einer größeren Anzahl an Followern, die bei Gab nur einen Account erstellt haben, um den Nickname zu sichern (die fliegen bei mir übrigens auch wieder raus). Den Rest bildet eine mehr oder weniger schweigende bzw. nur kommentierende Mehrheit.

Fazit:

Twitter und Gab kann man mit riesigen Pinwänden vergleichen.

  • Bei Twitter pinnen die Nutzer bunte Notizzettel an die Wand. Manchmal mit Bildern, manchmal mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln oder kleinen Filmchen. Andere User kleben Post-its mit Kommentaren darunter. Einige handeln von private Begebenheiten; andere von politischen Ereignissen. Manche pinnen wütend ein Pamphlet nach dem anderen an die Wand; manche Witziges. Nerds tauschen Erfahrungen aus; Geschäftsleute geben Tipps für ihre Kunden. Und so weiter und so fort. Wenn anderen Nutzer die Inhalte gefallen, kopieren sie sie und pinnen sie in ihren Bereich. Manchmal gehen gehen sie auch an der Pinnwand entlang, um Neues zu entdecken.
  • An der Gab Pinnwand hängen fast ausschließlich ausgeschnittene Zeitungsartikel, an denen Kommentar-Post-its kleben. Ab und zu pinnt jemand einen Notizzettel mit einer Aussage oder Meinung dazu. Nutzer stehen kopfschüttelnd davor; sehen mal nach rechts, mal nach links, und bestätigen sich gegenseitig mit ernster Miene, dass die ganze Welt verrückt geworden ist. Dann kopieren sie die Artikel, kleben ihre Kommentar-Post-its dran und hängen sie in ihren Bereich.

Zugegeben: Das ist sehr überzeichnet dargestellt, trifft aber den Kern.

Meine Meinung

Gab hat durchaus Potential, sich zu einem Twitter-Konkurrenten zu entwickeln, allerdings nicht für jeden. Twitter ist auf 140 Zeichen beschränkt; bei Gab kann man „seinen Senf“ in 300 Zeichen packen. Außerdem gibt es die (nicht zu unterschätzende) Möglichkeit, Chats einzurichten; in der Standardversion allerdings nur mit einem anderen Gabber (vergleichbar mit der „DM“ auf Twitter). Mit der Pro-Version (kostet um die 60 Euro pro Jahr) kann man bis zu 50 Gabber einladen; eingeladen werden kann dagegen jeder (wenn ich das richtig verstanden habe).

Wie sich Gab entwickelt, hängt meines Erachtens von zweierlei ab:

  1. Ob der Druck auf die Betreiber, missliebige Accounts bei Twitter und Facebook zu sperren, weiter steigt oder nicht, und deswegen immer mehr Nutzer zu Gab fliehen – oder auch nicht.
  2. Wie viele „Alt“-Twitterer ihre Follower überzeugen können, ihnen zu folgen.

Denn genau hier liegt meines Erachtens das größte Problem. Kolja Bonke als alleiniges Zugpferd wird nicht ausreichen. Warum sollten die „Kleinen“ nur wegen ihm von Twitter zu Gab umziehen? Da ist es doch viel einfacher, bei Gab einen Account zu öffnen, ab und zu hineinzugucken, und ansonsten seine sozialen Kontakte weiter auf Twitter zu führen.

So euphorisch und ambitioniert die Gab-Community momentan auch ist, eines sollte sie auf keinen Fall vergessen: Es ist nichts schwieriger, als jemanden aus seiner Komfort-Zone herauszuholen. Denn eins steht fest: Twitter ist komfortabler. Das fängt damit an, dass man sich bei Gab in einer völlig neuen Struktur zurechtfinden muss und endet mit einer App, die (noch) recht frickelig zu handhaben ist. Bei einer Plattform, die erst neun Monaten existiert, dürfte das zwar jedem einleuchtend; in „Heute bestellt; morgen geliefert“-Zeiten ist es jedoch auch ein eklatanter Nachteil. Außerdem sollte man Folgendes bedenken: Jeder Twitterer hat sich im Laufe der Zeit seine Follower „hart“ erarbeitet. Da Zeit für jeden kostbar ist, werden es sich die meisten zweimal überlegen, ob sie auf zwei Plattformen aktiv sein wollen. Und ein kompletter Wechsel wird sowieso nur für eine Minderheit infrage kommen.

Fazit:
Gab ist eine politische Plattform für Leute mit eher konservativen Ansichten. Die Hauptgrundlage bilden Nachrichten über Politik, Islam und Flüchtlinge, die auch kommentiert werden – in den seltensten Fällen jedoch kontrovers. Die Bildung einer Filterblase dürfte dadurch unausweichlich sein. In der englischsprachigen Netzgemeinde sieht es ähnlich aus; hier wird allerdings inzwischen vermehrt auch privater Inhalt gepostet. Alles in allem dürfte sich Gab zu einer Alternative zu Twitter entwickeln, wenn auch im kleineren Rahmen.

JustMy2Cent

 Veröffentlicht von am 10.6.2017  Kennzeichnung:

  2 Kommentare zu “Gab – (m)ein erster Eindruck”

  1. Deine neue Seite gefällt mir! Du warst schneller als ich: ich bin noch am Umstricken. Komplett neue Optik, wahrscheinlich andere Inhalte. Mir fehlen Leute, die den Literaturbetrieb mal kritisch beäugen, das was uns an Literatur vorgesetzt wird, hinterfragen. Du kennst ja die Szene. Feuilleton, Buchblogger mit der korrekten politischen Einstellung und ein nicht erwähnenswerter Rest mit mangelhaften Deutschkenntnissen, aber einer breiten Fanbase bei gehypten Büchern. Habe auch überlegt, mit den Büchern GANZ aufzuhören, wobei ich doch noch Einiges zu sagen hätte. Bin momentan sehr „matschig“ momentan, uninspiriert, politisch zornig und suche einen Weg für mich…

    Schön, dass ich Dich wieder lesen kann! LG, Devona

    • Danke Dir! Sag‘ Bescheid, wenn es bei Dir soweit ist.

      Ja, das mit dem kritisch hinterfragen ist in der heutigen Zeit ein Problem, leider in vielen Bereichen. Ich sage nur: „Fulminant!“ *grins*

      Was spricht dagegen, einen gemischten Blog zu führen. Bei meinem Buchblog hatte ich Plugin oder ein Script eingesetzt (was es wat, weiß ich nicht mehr), das bestimmte Posts in der Hauptseite ausblendete. Wenn es Dich interessiert, suche ich mal danach.

      Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Aber ich schätze Dich stark genug ein, um da wieder rauszukommen.

      Danke und liebe Grüße zurück, Cookie.

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